Freitag, 29. April 2022

Der Weberknecht

 

Im Februar habe ich meinen "vierschäftigen Scheibenwebrahmen" vorgestellt.


 

Das kleine Probestück, das ich darauf gewebt habe, ist inzwischen natürlich längst fertig. Gewaschen und gedämpft fühlt es sich, trotz des etwas seltsamen Kettmaterials, das beim Kauf schon auf dem Webrahmen aufgespannt war, kuschelig wie ein warmer, weicher Schal an. 


Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Muster man auf die Schnelle dem kleinen Rahmen entlocken konnte.

Die Anordnung der Scheiben auf der Musterwalze entsprechen einem Gerade durch Einzug.

 


Durch Änderung der Drehrichtung der Walze kann man natürlich auch Zickzackköper weben

 

Durch Änderung der Drehfolge lassen sich dann noch viele weitere Muster entwickeln.

 


Und mit ein bisschen Manipulation konnte ich auch einen Spitzköper weben, wie das Muster in der Bildmitte zeigt. Ich habe die Gratänderung des Musters dadurch erzielt, dass ich den Schusseintrag in der Mitte der Kette abgebrochen habe, die Walzenstellung dem Muster entsprechend geändert und dann den Schusseintrag vollendet habe.
 


Nachdem das Probestück gewebt war, wollte ich gerne wissen, wie die Walze funktioniert,  ich habe also eine der Endkappen gelöst und die Musterwalze in ihre Bestandteile zerlegt.

 

Als Achse dient ein hölzerner Rundstab, über dessen ganze Länge eine kleine Kunststoffleiste eingeklebt ist.

Die einzelnen Scheiben haben am Rand des Mittellochs zwei sich gegenüberliegende Schlitze, so können die Scheiben in der gewünschten Stellung arretiert werden.

 
Hier sieht man die beiden Seiten einer Scheibe.

Alle Scheiben sind (bis auf den Schlitz) gleich ausgeformt aber je nach Reihenfolge und Stellung der Scheiben auf der Achse, sind unterschiedliche Muster möglich.

Das untere Bild zeigt die vorgefundene Anordnung der Scheiben des Webrahmens, man muss sie sich natürlich hintereinander aufgereiht vorstellen.

Bei der 1. Scheibe liegt der erste Kettfaden auf der oben liegenden runden Erhöhung der Scheibe, bei der 2. für den zweiten Kettfaden ist es ebenso, bei der 3. Scheibe kommt der dritte Kettfaden tiefer zu liegen, nämlich auf Höhe der Achse und bei Scheibe 4 ist der vierte Kettfaden auch im Unterfach.

Das entspricht genau der Köperbindung, zwei oben, zwei unten und beim 2. Schuss wird das Ganze um einen Faden versetzt. Wenn wir für diesen 2. Schuss jetzt in Gedanken mit der Walze eine Vierteldrehung machen, wird der erste Kettfaden oben liegen, die beiden nächsten unten und der 4. Kettfaden wiederum oben.

Hat man das Prinzip erst einmal verstanden, kommt man natürlich schnell auf die Idee, dass durch Änderungen der Scheibenausrichtung auf der Achse noch viele andere 4-schäftige Köperbindungen möglich werden.


Zu meinem ersten Post über diesen Webrahmen habe ich eine Menge interessante Kommentare bekommen. Ein toller Tipp war für mich der Hinweis auf die Facebookseite Masterweaver Brand Looms - Owners & Enthusiasts.

Dort habe ich ein paar Bilder meines kleinen Webgeräts und der auseinandergenommenen Walze gezeigt und dadurch Gerd, einen begeisterten Weber mit routinierten 3D-Druckkenntnissen kennengelernt. Zusammen mit meiner langjährigen Webfreundin Cara, die auch viel Erfahrung im 3D-Drucken mitbringt, haben wir drei eine kleine Gruppe gebildet mit dem Ziel dieses verrückte Webgerät zu optimieren.

Mittlerweile sind die ersten vielversprechenden Tests mit dem neuen Weberknecht gelaufen.

 
Dieses Bild zeigt den Prototyp 1, die Walze hat die Einstellung 40/10 und kann also auch feinere Garne aufnehmen. Hier ist der Rahmen mit Baumwollgarn etwa 8/4 bespannt.
 


Der Rahmen mit Kett-und Warenbaum hat von Anfang an gut funktioniert, bei den Scheiben für die Walze wurden kleine Änderungen vorgenommen, die den Webprozess erheblich verbessert haben.
 

Mir der neuen Walze des Weberknechts habe ich ein Probestück in der Atwater Shadow Weave-Bindung mit Sockenwolle in Kette und Schuss gewebt.


Das hat so gut funktioniert, dass ich gerade eine Kette für einen Schal gebäumt habe, bei dem ich das türkisfarbene Muster des längeren Probestreifens webe. Vergleicht man das Gewebe auf den beiden Bilder, kann man gut sehen, dass das Muster auf dem Rahmen noch gar nicht gut erkennbar ist, weil man für ein ausgeglichenes Gewebe nicht zu dicht anschlagen darf. 
Erst beim Waschen entwickelt sich dann das typische Musterbild.
 

Im Vergleich zu dem alten Scheibenwebrahmen hat der neu entwickelte Weberknecht viele Vorteile. 

Durch den Bau eines Rahmens mit Kett- und Warenbaum sind nun auch längere Gewebe möglich.

Die Walze lässt sich sehr einfach auseinandernehmen, und in neuer Reihenfolge bestücken oder sogar mit Plättchen versehen, die eine andere Einstellung ermöglichen.

Der alte Scheibenwebrahmen war für 25 Fäden pro 10 cm gebaut, ich webe gerade mit 40/10 Plättchen und mittlerweile laufen schon erste Probegewebe mit 80 Fäden pro 10 cm. 

Die Plättchen sind an allen 4 Seiten so markiert, dass sie ganz einfach in die richtige Stellung für das erwünschte Muster zu bringen sind.

Die Walze hat eindeutige Markierungen für die die vier möglichen Stellungen.

Und was mir am allerbesten gefällt, das Fach ist groß genug, dass man mit einem Schiffchen arbeiten kann und man kann mit der Weberknecht-Walze sogar das Gewebe anschlagen. Durch diese beiden Möglichkeiten wird der Webprozess erheblich beschleunigt.

Ich werde euch über die weitere Entwicklung des Weberknechts auf dem Laufenden halten.


Nachtrag 30.4.2022:

Cara hat heute einen ausführlichen Beitrag auf ihrem Blog zur Entwicklung der Weberknecht-Walze veröffentlicht und zeigt dort auch ihre ersten Probegewebe.

https://cara2408.blogspot.com/2022/04/weberknecht.html

 

 

 

Donnerstag, 31. März 2022

Zehn neue Handtücher

 Zum dritten Mal habe ich nun Handtücher in Atwater Shadow Weave Bindung gewebt.

 
Dieses Mal habe ich 8 m Kette auf den kleinen klappbaren Lasse Maja Webstuhl aus Frederiksfors Snickerifabrik aufgebracht. Der Webstuhl ist im Prinzip wie der bekanntere Göta-Webstuhl gebaut, er hat auch eine Webbreite von 60 cm, ist aber mit Doppelrollen ausgerüstet und hat 6 Tritte wie der 90 breite Göta.

Ich war mir nicht sicher, ob der Abstand zwischen Streichriegel und Warenbaum groß genug sein würde, das gesamte fertige Gewebe aufnehmen zu können. Ich hatte durchaus damit gerechnet, die Kette nach einigen Handtüchern abschneiden zu müssen, um sie dann für   die letzten zwei, drei Handtücher erneut anzuknoten.
 

 

Das war aber erfreulicherweise nicht nötig. Ganz genau 10 Handtücher sind es schließlich geworden, jedes 76 cm lang. Zum Ende hin wurde das Fach aber so knapp, dass ich für die letzten Schüsse eine flache Webnadel nutzen musste.



Nun weiß ich, dass der kleine Webstuhl mit 8 m Cottolinkette noch keine Probleme bekommt, das ganze Gewebe hat gut auf den Warenbaum gepasst und es gab auch bei dieser Kettlänge keinerlei Probleme damit, dass dieser Webstuhltyp hinten keinen Streichriegel besitzt.

 

 

Mir gefällt an dieser Bindung immer wieder, dass sich so viele überraschende Farbvarianten auf einer Kette weben lassen. 

 

 Handtuch # 1

 

Meine Kette bestand aus Cottolin 22/2, die Webkanten waren rein schwarz gehalten, im Hauptteil wechselten sich ein schwarzer Faden und ein türkisfarbener Faden ab.

Beim ersten Handtuch habe ich dieselben Farben in der Kette verwendet, begonnen mit schwarz, dann türkis, die Trittreihenfolge entsprach dem Einzug. Die Abbildungen der Handtücher zeigen immer Vorder- und Rückseite, die sich aber je nach Trittfolge nicht immer voneinander unterscheiden.


Die folgenden Bildern, zeigen rechts die verwendeten Schussgarne, links sind  immer noch einmal die Kettfarben zu sehen. Das mit Z bezeichnete Garn habe ich als erstes geschossen, das X steht für die "Schattenfarbe".

Beim ersten Handtuch war die Trittreihenfolge 1-3-2-4-3-1-4-1-3-4-2-3, die schwarzen Zahlen entsprechen dem Z, die roten dem X.

In meinem Post Eine Kette - viele Muster gibt es weitere Informationen zur Bindung  und einen Link auf die verwendete Webpatrone.

 

 Handtuch # 2

 

Im Schuss hatte ich als erstes Garn eine etwas dickere Baumwolle, das senffarbene Garn ist wieder Cottolin.

 


 

Beim dritten Handtuch ist das zweitgeschossene Garn dicker, es handelt sich hier um Baumwolle 8/4, das orangefarbene Garn ist, wie alle folgenden dünnen Schussgarne wieder Cottolin.

Handtuch # 3

 
 
Ich finde es spannend, wie hier auf einer türkis-schwarzen Kette ein eher rotes Handtuch entsteht.
 
 


Beim vierten Handtuch sind die Farben von Kette und Schuss annähernd gleich, das Türkis ist mit dem Kettgarn identisch, das Schwarz durch ein dunkles Türkis ersetzt.

 

 Handtuch # 4

 

 
 
Aber weil hier mit dem hellen Farbton angefangen wurde, ergibt sich eine völlig andere Wirkung als bei Handtuch 1. Weiter unten habe ich diese beiden Handtücher noch einmal zusammen fotografiert, um das genauer zeigen zu können.

 


Handtuch # 5

 

 
Das 5. Handtuch ist mit einer einfacheren Trittfolge gewebt, die Reihenfolge ist hier 
* 1-3-2-4-3-1-4-2 * Begonnen wurde, wie auf dem Foto ersichtlich, mit dem Senfton.
 
 


                                                                Handtuch # 6

 

 

Beim sechsten Handtuch habe ich wieder einen dickeren Baumwollfaden eingesetzt und auch hier die einfachere Trittfolge benutzt.
 


 

Handtuch # 7



Hier dasselbe Spiel mit einer anderen Farbkombination.

 



Handtuch # 8


 

Bei diesem Handtuch sind nur die dünneren Cottolinfäden verwendet worden.



 

Handtuch # 9



 
Das neunte Handtuch drängt durch seine Schussfarben das Grüntürkis und das Schwarz wieder in den Hintergrund und vermittelt eher einen Eindruck von Rot.




Handtuch # 10
 
 
 
 
Ich finde, das letzte Handtuch passt mit seinen Frühlingsfarben ganz wunderbar zur Jahreszeit. 
 
 
 
 
Hier sind noch einmal die beiden Handtücher, die fast identische Farben aufweisen, links wurde aber mit dem hellen Faden begonnen, rechts mit dem dunklen. 
 

 
Auf den folgenden Bildern habe ich weitere Handtuchpaare zusammengestellt.
 
 
 
 

 
 

 
 

Und auf dem letzten Foto kann man noch einmal die ganze Ausbeute sehen :-)




Samstag, 26. Februar 2022

Ein interessantes Webgerät

Vor einigen Jahren besuchte ich die Webstuhlmanufaktur Rudi Künzl in Gilten, um meine Garnvorräte aufzustocken, dort stand in einem der Räume ein ungewöhnlicher Webstuhl,  der sofort meine Aufmerksamkeit erregte.

 

Der Webstuhl hatte weder Schäfte noch Litzen, die Kettfadenaushebung und damit die Mustermöglichkeiten wurden offenbar durch das Drehen einer gefächerten Kunststoffwalze in der Mitte dieses eigenartigen Webgeräts erzeugt.


 
Als ich ein paar Jahre später bei Ebay-Kleinanzeigen auf das Angebot eines kleinen Webrahmens mit einer geschlitzten Kunststoffwalze in der Mitte stieß, ahnte ich, dass es sich um ein ähnliches Prinzip handeln müsse und aus reiner Neugier kaufte ich den Rahmen.


Schnell war eine kleine Probekette aufgezogen und ich konnte sehen, dass die Scheiben der Walze so eingerichtet waren, dass es möglich war mit diesem Gerät durch Drehen der Walze gleichseitigen Köper und Panama zu weben, denn durch jede Vierteldrehung wird die Lage der Kettfäden entsprechend verändert. Durch Variation der Reihenfolge und der Richtung der Drehung kann man auch noch weitere Muster erzielen.


 

Natürlich interessierte es mich, wo dieser Webrahmen herkam und ich nahm Kontakt zu Rudi Künzl auf, der mir freundlicherweise eine Kopie der Bedienungsanleitung seines Webstuhls schickte.

 


Kurz danach fand ich im Internet eine Anzeige, die die Firma noch 1985 im Weaver´s Journal geschaltet hatte.
 


Und ich stieß im Netz auf der Seite FPO, freepatents online, schließlich auf ein amerikanisches Patent von 1938, in dem ein Rahmen beschrieben war, der meinem Modell sehr ähnlich war.

 

Quelle: www.freepatentsonline.com

Allerdings fehlt meinem Rahmen eine Art Kamm, wie er für den oben abgebildeten "Webapparat" vorgesehen war.

 


Natürlich war meine Überraschung groß, als ich vor nicht langer Zeit wieder auf ein Angebot dieses ungewöhnlichen Webrahmens stieß. Er wurde im Originalkarton mit Bedienungsanleitung angeboten und das war für mich Grund genug, ihn zu kaufen, da ich hoffte, über die Bedienungsanleitung mehr über den Hersteller des Rahmens erfahren zu können.

 


Leider besteht die Bedienungsanleitung nur aus zwei Seiten getipptem Text, in dem die Arbeitsweise des "Holzwebrahmens" mit "beigefügter Plastikscheibenarbeitswalze"  erläutert wird und zwei Seiten mit Zeichnungen, die den Vorgang allerdings sehr gut bebildern. Einen Herstellernachweis gibt es leider nirgendwo, nur auf dem Rand des Kartons ist zu sehen, dass das Gerät von Quelle verkauft wurde

 

 

Der Inhalt des Kartons zeigte, dass der Rahmen kaum benutzt war. Er war mit dem beigefügten Garn bespannt und dann angewebt worden. Wie so oft bei einfachen Webrahmen, war der Schuss viel zu eng angedrückt worden, so dass eine Art Schussrips  entstand. Das Ergebnis hatte offenbar nicht dazu eingeladen, sich weiter mit dem Webrahmen zu beschäftigen.


 

Ich habe erst einmal die Schussfäden wieder rausgefriemelt und dann mit einer Kontrastfarbe angefangen zu weben.


 

 

Die Musterwalze hat eine Webbreite von 22 cm und eine Kettfadendichte von 24 Fäden pro Zentimeter, das ist eine recht weite Einstellung. Will man ein ausgeglichenes Gewebe herstellen, braucht man auch im Schuss ein dickeres Garn und man darf den Faden nur leicht andrücken. Am besten ging das mit einer leeren Webnadel.

 


Die Achse der Walze habe ich seitlich mit den Zahlen 1 bis 4 beschriftet, um die vier möglichen Fächer genauer einstellen zu können. Dann habe ich angefangen, ein paar Dreh-Kombinationen mit der Walze auszuprobieren. 

Um Panama wie in den roten Streifen zu weben, muss ich nur in Stellung 1 und 3 weben, alternativ in Stellung 2 und 4. 

Das obere Muster ist durch die Drehreihenfolge  *1-2-3, 2-3-4, 3-4* entstanden. 

Und im obersten Muster auf dem nächsten Bild habe ich  *1-3-2-4* eingestellt und einen Kreuzköper gewebt.

 


Das kleine Probestück von meinem ersten Rahmen habe ich abgeschnitten, es hatte 4-fädiges Sockengarn in der Kette und 6-fädiges im Schuss, den hellgrauen Teil am Ende habe ich mit Lopigarn geschossen. Das Ergebnis ist ein weiches, stabiles Gewebe, man könnte auf diese Art gut einen warmen Schal weben. Allerdings wäre er für einen Erwachsenen zu kurz, denn die umlaufende  Kettlänge beträgt gerade einmal 143 cm.