Samstag, 8. Februar 2014

Der Normalo-Webstuhl

2009 wurde ich telefonisch gefragt, ob ich Interesse daran hätte, einen großen alten Webstuhl zu übernehmen, der in einem Raum aufbewahrt würde, der geräumt werden müsse. Zuerst war ich nicht interessiert, weil ich gerade erst meinen alten Eichenwebstuhl weggegeben hatte. Er hatte einfach zu viel Platz eingenommen.  Als ich das erzählte, hörte ich, dass es sich bei dem angebotenen Webstuhl um ein Modell aus den 80ern handelte, das machte mich denn doch neugierig und wir fuhren ins Nachbardorf, um den Webstuhl abzuholen.



Zuhause angekommen, haben wir ihn dann erst einmal provisorisch auf der Terasse aufgestellt, mit Hilfe von Gurten, da fast alle Schrauben fehlten.
Ich hatte so ein Modell noch nie gesehen und da er keinerlei Kennzeichnung aufwies, hatte ich auch keine Ahnung, um was für ein Webgerät es sich da handelte.


Besonders merkwürdig fand ich den Schafthebemechanismus, der irgendwie mit Gummibändern zu funktioniern schien, die aussahen wie besonders dicke Einmachgummis.
Wegen der blau gestrichenen Metallteile und weil er offenbar aus Birke war, hatte ich allerdings den leisen Verdacht, es könnte ich um einen finnischen Webstuhl handeln.
Bei nächster Gelegenheit habe ich die finnische Weberin Anna Warsow gefragt, ob sie diesem merkwürdigen Webstuhl schon einmal begegnet sei, was allerdings nicht der Fall war. Anna fragte aber in Finnland nach und hörte dort, dass es sich um den Normalo-Webstuhl handelt, der in Loimaa, westlich von Turku seit Anfang der 50er Jahre hergestellt und immer noch verkauft wird. Die Website der Firma ist unter www.saunalahti.fi/normalo zu finden.


Anna besorgte mir dann aus Finnland eine Bedienungsanleitung, neue Schafthalter, was mir die Mühe ersparte, die alten zu entrosten und - am wichtigsten - neue Gummibänder. Die alten Gummis waren bröselig und nicht mehr zu gebrauchen, außerdem gab es nur vier Stück obwohl es sich um einen 8-schäftigen Webstuhl handelte. 




Die Schafthalter hatten sich in Form und Material im Laufe der Jahre nicht verändert.


Die Gummibänder werden aber mittlerweile aus anderem Material hergestellt.
Der Webstuhl hat dann auch bei mir ein paar Jahre ungenutzt im Abstellraum gestanden und erst jetzt, nach gründlicher Renovierung, in meinem neuen Webkeller seinen Platz gefunden.



Zuerst habe ich alle angerosteten Stellen weggeschliffen und dann neu angestrichen.


Bei der Gelegenheit, habe ich auch die Haken mit blauer Farbe versehen, ich finde, das sieht einfach netter aus.


Technisch gesehen handelt es sich bei dem Webstuhl wohl um eine Art Jack-Loom. Für die Schaftbewegung sind gelenkig verbundene Hölzer zuständig. An ihren Haken werden die beiden Seiten durch die Gummibänder zusammengehalten, die Hölzer knicken im Gelenk dadurch nach unten ab und dies bewirkt, dass die gesamte Kette in Ruhelage im Hochfach liegt. Bedient man einen Tritt, entsteht ein Unterfach. Das Gummi strafft sich, die Hölzer knicken in der Mitte nach oben und die angebundenen Schäfte werden dadurch nach unten gezogen.






Die Anbindung der Schäfte an die Tritte erfolgt direkt, ohne jede Umlenkung über Querlatten.

Ich war mir ja sicher, diesen Webstuhl noch nie gesehen zu haben, und war darum sehr überrascht, als mir vor kurzem ein alter Prospekt der Textilwerkstatt Hannover wieder in die Hände fiel.


Unter der Rubrik Platzsparende Webstühle gab es ein Foto des Normalo und im unteren Bild rechts ist er auch noch einmal angeschnitten zu sehen. Er wurde als platzsparend, leicht zu bedienen und preiswert beworben. Da ich in den 80ern in der Textilwerkstatt Garne und Webzubehör gekauft habe, ist mir der Webstuhl dort sicher auch schon in den Ausstelllungsräumen begegnet und es war auch nicht mehr so merkwürdig, dass er plötzlich in unserer Gegend auftauchte.


Ich habe das kleine Bild aus dem Katalog noch einmal vergrößert, hier sieht man die höhenverstellbare Standlade und  man kann gut den asymetrischen Bau erkennen. Der Normalo wurde mit 8 Schäften und 8 Tritten geliefert, in Webbreiten von 80 bis 120 cm.


Mein Webstuhl hat eine mögliche Webbreite von einem Meter, so breit sollte mein erstes Probestück aber nicht werden.


Ich habe mich mit 34 cm begnügt und will Spüllappen weben. Um sie möglichst saugfähig zu machen habe ich mich für ein Muster mit etwas Textur in der Mitte entschieden.


Ich webe Bronson Lace mit drei Schäften. In Kette und Schuss habe ich ungebleichtes Leinengarn 16/2 und blaues Leinengarn 8/1, letzteres doppelt genommen.





Kommentare:

  1. Hallo, das ist ja ein toller Zufall, ich hab nämlich auch so einen Webstuhl, der immer noch auf seine Wiederaufarbeitung wartet, ich hoffe, es dieses Jahr zu schaffen, dein Bericht macht mir richtig Lust, das Thema anzugehen, danke!!! Gruß Uli

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    1. Ich kann mich erinnern, du hast einen Post dazu geschrieben und ixh glaube, ich habe seinerzeit auch kommentiert. Soweit ich mich erinnere, sah dein Webstuhl noch recht gut aus, wäre doch schön, ihn wieder aufzurüsten.
      Melde dich gerne, wenn du Hilfe brauchst.
      LG
      maliz

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  2. Oj vilken spännande vävstol som jag aldrig sett tidigare. Du får ge en vävrapport hur vävstolen är att väva i.

    Ha en bra dag
    Barbro

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    1. Det lovar jag att göra.
      Hälsningar
      maliz

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  3. Ein sehr interessanter Bericht. Von dieser Art der Fachbildung lese ich zum ersten Mal. Mich würde noch interessieren, ob Du beim Weben (treten der Tritte) einen Unterschied merkst zum Kontermarsch?
    LG Silke

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    1. Man merkt tatsächlich einen Unterschied, auch Barbro (mellansystern) möchte gern wissen, wie es sich auf dem Webstuhl webt. Ich werde noch ein bisschen Erfahrung sammeln und darüber berichten.
      LG
      maliz

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  4. Das ist mal wieder ein sehr spannender Bericht. Habe ich es richtig verstanden: Du musst den Tritt mit dem Fuß gedrückt halten, weil sonst das Gummiband oben das Unterfach automatisch schließt?

    LG Ate

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    1. Ja, sobald du den Tritt loslässt, zieht sich das Gummi wieder zusammen und du hast kein Fach mehr, weil der Schaft wieder in Ruhelage geht, also alle Fäden oben sind. Allerdings ist es ja bei jedem Trittwebstuhl so, dass ein Fach nur so lange steht, wie der entsprechende Tritt niedergedrückt bleibt.

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  5. Oh, well done! I love reading stories about old looms being saved and then refurbished to be used once again. Nice job on the loom. I like your dishcloths that you are weaving. Enjoy!!

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    1. I read in your blog, that you also refinished at least two of your big looms and made them look wonderful again :-))

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  6. Hallo,

    das sieht sehr interessant aus und irgendwie "spacig" mit den Gummibändern. Ich finde, du hast den Webstuhl wundervoll restauriert und bestaune dein Händchen für solche holz-/ und metallhandwerklichen Dinge!

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  7. Verkar som mitt inlägg försvann när jag klickade på veröffentlich.
    Jag har skaffat en Normalo också och saknar både de gummiringarna överst och metallbeslagen man hänger skaften i. Kan man möjligen köpa dessa någonstans i Tyskland? Jag kommer att vara i Dortmund nästa vecka.

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  8. Hallo,

    bei ebay-Kleinanzeigen wird ein Webstuhl angeboten:

    http://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-anzeige/webstuhl-normalo/369057565-282-2937

    Das Foto entspricht dem von Ihrem Webstuhl auf der Terrasse mit Gummischnüren vor der Aufarbeitung!

    Das macht mich misstrauisch!

    Mit freundlichen Grüßen
    Elisabeth Radke

    elisabethradke@t-online.de

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  9. Da du hier etwas zu Tritten schreibst: Du hast auch einen Louet W70? So ein Modell wird gerade angeboten. Nun frage ich mich, er ist doch ein Tischwebstuhl? Es gibt ihn aber auch mit Fußtritten. Kann man dann die Schäfte so verbinden, daß man bei einem Muster immer schon die passenden Schäfte zusammen mit einem Pedal bewegt und muß man wie bei einem Tischwebstuhl z. B. zwei Hebel bzw dann 2 Pedale bewegen?
    Danke für die Info, das ist so schwierig zu fragen, wenn man es nicht auf deutsch fragen kann.

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    1. Der W70 hatte eine sogenannte Direktanbindung, jeder Schaft bekam einfach einen Tritt, man muss also für Muster evtl. mehrere Tritte bedienen. Um mehrere Schäfte an einen Tritt zu binden sind Querlatten nötig. Ungünstig ist beim W70 auch, dass die Anbindungsschnüre durch die Kette gehen, weil der Warenbaum in den mittleren Standfuß integriert wird. Guck dir das mal auf der Louet-Seite an, da gibt es auch Aufbauanleitungen für ältere Modelle, die sehr instruktiv sind.
      http://www.louet.nl/de/instructies
      Dort sieht man, dass das Untergestell beim Nachfolgermodell Kombo anders war und einfache Musterbildung daher möglich, ob die Teile aber kombinierbar sind, weiß ich nicht.

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    2. danke maliz für Deine schnelle und verständliche Antwort. Dann habe ich diesen Vorteil beim Weben nicht, daß man sich die Kombination der Schächte nicht merken muß. Dann bleibe ich erst mal bei meinem Tischwebstuhl von Toika.
      Ach, das dauert, bis man das nach und nach versteht.

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  10. Hallo, ich stehe kurz davor auch einen Normalo zu kaufen. Allerdings ist er in keinem guten Zustand. Das Reed ist total verrostet. Können Sie mir einen Kontakt geben, wo ich ein neues kaufen könnte? Wie sind Ihre Erfahrungen auf diesem Webstuhl? Herzliche Grüße
    Kira (kira.rebecca@online.de)

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